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Aus: Leben und Leben lassen

Wir werden alle nicht jünger

     Zum Glück werde nicht nur ich älter. Wohin ich blicke,wachsen die Jahresringe.  Selbst bei den Kindern bleibt die Zeit nicht stehen. Bei meinem Sohn lichtet sich das Haupthaar, seine Freundin ist schwanger, das wird auch nicht mehr so, wie es war, und meine Tochter muss ganz schön oft zum Zahnarzt. Dabei ist sie knapp dreißig und hat mehr Plomben als ich. Das tröstet mich. Ich gucke jeden Morgen in den Spiegel und bin froh, dass ich nur wenige Veränderungen feststelle. Manchmal allerdings fallen mir Fotos von vor zwei oder vier Jahren in die Hände, dann sage ich: "Mein Gott"!
    Aber wie gesagt, um mich herum wird auch alles älter. Meine Frau schminkt sich mehr als früher: sie färbt ihre Lippen karmesinrot und die leuchten dann wie abnehmender Mond im Morgengrauen. Manchmal kleidet sie sich auch nach der neuesten Mode. Aber das nützt nichts. Wir kennen uns schließlich schon eine ganze Weile.
    Auch die Freunde kommen in die Jahre.
    Heinz habe ich vor kurzem getroffen, nachdem wir uns ein Jahr nicht gesehen haben. Ich fand, dass er geschrumpft ist. Und um die Taille herum hat er zugelegt. Als ich grinste, verstand er sofort und meinte: „Das ist kein Bauch, das ist nur ein vorgeschobener Darm.“ Wir lachten, und als uns beiden im selben Augenblick der Satz herausrutschte "Wir werden alle nicht jünger", mussten wir noch mal lachen. Herzlich versicherten wir uns, dass wir ja immerhin noch lebten.
    Karin hat jetzt zum zweiten Mal ihre Knochendichte messen lassen. Ihr Arzt hatte ihr gesagt, dass ihre Knochen recht porös seien. Sie schluckt jetzt jeden Tag Unmengen Kalzium und geht regelmäßig ins Sportstudio. Karin mag es, wenn man an ihren Krankheiten teilhat. Sonst wüsste ich auch gar nichts von ihrer Osteoporose. Sie hat mir auch erklärt, dass dieses Wehwehchen Männer kaum trifft. Das hat mich beruhigt. Trotzdem gehe ich natürlich auch ins Sportstudio. Dreimal in der Woche. Ich baue dort meine Rückenmuskulatur auf. Zwischen den einzelnen Geräten halte ich oft ein Schwätzchen mit Mike. Eigentlich heißt Mike Michael. Mike, findet er aber, klingt jünger. Mike ist in meinem Alter und hatte schon zweimal einen Bandscheibenvorfall. Jetzt fährt er viel Rad und geht regelmäßig schwimmen.
    Helmut joggt. Langsam nur, aber täglich fünf Kilometer. Wenn er nicht joggt, sagt er, fühle er sich schlecht. Er brauche das. Das sei wie eine Droge. Einmal bin ich mit ihm gelaufen. Aber das war mir zu langsam, er hat ständig auf seine Pulsuhr geguckt, und wenn der Puls über 130 war, hat er sofort gebremst. Helmut hat hohen Blutdruck. Wenn er und Siggi sich treffen, können sie stundelang über ihren Blutdruck fach-simpeln. Siggi schwört auf Kalziumantagonisten und Helmut versucht ihn immer zu überzeugen, dass er doch mal zu seinem Kardiologen gehen solle. Der sei menschlich so nett und es gäbe auch kaum Wartezeiten. Siggi konsultiert aber lieber Oskar, Dr. Oskar Schreber, der ein gemeinsamer Freund ist und mit dem ich vor Jahrhunderten die Schulbank gedrückt habe. Oskar leidet an einer Schlafapnoe. Er hat mir mal erklärt, wie das ist: Man nickt unwillkürlich ein und dann gibt es einen Atemstillstand. Besonders nachts sei das gefährlich. Oskar hat jetzt so einen Apparat, der ihm im entscheidenden Augenblick immer einen Impuls gibt. Oskar ist praktischer Arzt und mein Hausarzt, und wenn ich Medikamente brauche, schreibt er die mir natürlich auf, zum Beispiel Wobenzym, was gut sein soll gegen alle Arten von Entzündungen. Meine Frau schwört darauf. Vor kurzem habe ich das auch Klaus empfohlen. Wir kamen zufällig auf unser Alter zu sprechen und da sagte er mir, dass er oft unter Arthritis leide. Manchmal, bei Wetterumschwüngen oder Stress würden seine Gelenke ganz dick und schmerzten. Er hat sich gleich eine Achthunderter-Packung Wobenzym gekauft. Ich weiß nicht, ob es ihm geholfen hat. Wir haben uns seitdem nicht mehr gesehen.
    Manuel hat Probleme mit der Prostata. Als ich ihn mal auf dem Klo traf, scherzte er, dass der Strahl auch nicht mehr das Gelbe vom Ei wäre. Beim Wettpissen würde er heute schlecht aussehen. Klaus  legte mir seinen Urologen ans Herz: einmal im Jahr sollte ich mindestens. Ich war eher mit dem Pinkeln fertig und beim Herausgehen versprach ich ihm, dass wir wieder mal was zusammen machen würden. „Klar“, sagte er, „wir telefonieren.“ Meine Frau mag Klaus nicht. Sie meint, er habe einen so starken Mundgeruch. Ich weiß nicht, ob das was mit der Prostata zu tun hat.
    Edgar ist öfter bei uns zu Gast, mit seiner Frau Manuela. Manuela mag ihren Namen nicht. Sie besteht darauf, dass wir sie Manu nennen. Manu hat häufig Depressionen. Zwei Selbstmordversuche hat sie schon hinter sich, aber eher halbherzig. Sie achtete darauf, dass man sie rechtzeitig fand. Wenn Manu aufgeregt ist, hyperventiliert sie. Als ich das zum ersten Mal miterlebte, bekam ich einen Mordsschreck. Edgar dagegen lachte und gab ihr eine Ohrfeige. Danach war’s tatsächlich wieder gut. Manu nimmt Antidepressiva und ist verdammt schlank, aber mit ordentlicher Oberweite. Einmal hätte ich fast was mit ihr gehabt, aber im entscheidenden Augenblick fing sie an zu hyperventilieren. Zum Glück genügte es, ihr eine Backpfeife anzudrohen.
    Edgar hat Angst vor Magengeschwüren. Einmal im Jahr lässt er sich den Darm spiegeln. Freiwillig. Das sei gar nicht so schlimm, sagt er. Nur das Abführen sei nicht ganz ohne. Alles müsse raus und einmal habe er fast einen Kreislaufkollaps erlitten. Aber nach so einer Darmspiege-lung fühle er sich immer unheimlich wohl. Fast unsterblich. Edgar ist Lehrer: in dem Beruf schlagen sich viele Probleme auf Magen und Darm. Manu war auch mal Lehrerin, hat das aber aufgegeben. Jetzt makelt sie ein bisschen nebenbei. Wenn es ihr gelungen ist, ein Haus zu verkaufen, lädt sie Edgar zum Essen ein. Französisch, mit vier Gängen.
    Gerhard ist auch Lehrer, Oberstudienrat, an der gleichen Schule wie Edgar. Gerhard ist stark übergewichtig, auf deutsch gesagt fett, und seit einem Jahr hat er Zucker. Wenn das nicht so gemein wäre, könnte man sagen, geschieht ihm recht: Cola, fette Wurst, Weißbrot und Schokolade. Dabei ist Gerhard gute zehn Jahre jünger als ich.
Seitdem ich Rentner bin geht es mir besser. Mein Blutdruck hat sich stabilisiert, die Cholesterinwerte sind besser geworden und Rücken-schmerzen habe ich auch weniger. Nur mein Tinnitus ist noch der alte. Mein Freund Heiner aus unserer Doppelkopfrunde sagte kürzlich nicht ohne Neid: „Mensch, Alter, wenn ich dich anschaue, überlege ich mir, ob ich mich nicht auch ganz schnell pensionieren lassen soll.“ Heiner ist Mitte fünfzig, Junggeselle und seit einiger Zeit nimmt er an Triathlon-Wettkämpfen teil. In meinen Augen ist er so eine Art Ironman und ich hielt ihn immer für unheilbar gesund. Bis er mir beichtete, er leide unter Herzrhythmusstörungen, seine Achillessehne sei angerissen und er trage im rechten Oberkiefer eine Halbprothese. Ich konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten mir, dieses Gerät vorzuführen.
    Otto spielt auch Doppelkopf und ist hauptberuflich Hypochonder. Ich glaube, außer Maul- und Klauenseuche hat er schon alle Krankheiten ausprobiert. Als er neulich stark hustete, empfahl er uns, ihm vom Leibe zu bleiben: er sei sicher, dass er SARS habe. Ottos Terminkalender ist voll mit Arztterminen und ich wundere mich immer, wieso die Krankenversicherung ihm noch nicht gekündigt hat. Und wie Sabine, seine Ange-traute, das mit ihm aushält, weiß ich auch nicht. Sabine leidet allerdings auch an Polyarthritis, Venenschwäche, chronischer Bronchitis und seit einem Skiunfall vor fünf Jahren hat sie Meniskusprobleme. Meine Frau meint, dass Sabine trotz ihrer jungen Jahre - sie ist erst fünfzig - schon ihre Menopause habe, was aber keine Rollespiele, da Otto sowieso impotent sei. Otto gibt mir jedes Mal das gute Gefühl, dass ich trotz meiner fortgeschrittenen Jahre noch leidlich jung und einigermaßen in Schuss bin.
    ................

                  
     Aus: "Alles Schwindel"

     Wer liest das eigentlich alles?

     Verdammt gute Frage.
     Macht mich richtig nachdenklich
     Ich schreibe und schreibe:
     Gedichte, Tagebücher, Reiseberichte,
     denke mir Geschichten aus,
     forme Satzgefüge,
     erfinde Verben und Adjektive,
     die noch in keinem Wörterbuch stehen.
     Und wofür?
     Der Hund,
     der sein Bein an jedem Baum hebt,
     weiß der, warum?
     Ob's ihm was nützt oder nicht:.
     Er fühlt sich leichter, irgendwie.

                 
  Aus: "Das Alte Lied"

    Und so weiter?

    Die Woche hat sechs Tage
    und fängt am Montag an.
    Am Samstag geht man aus
    und schläft am Sonntag lang.
    In Winter sind die Tage kurz,
    die Stunden dösen vor sich hin.
    Ich geh zu Bett
    und stehe auf.
    Die Uhr tickt ihren Takt.
    Das Jahr vergeht.
    Schon wieder steht ein Frühling vor der Tür.
    Ich freu mich auf den Sommer.
    Die Zeit wird lang.
    Man feiert Feste, wie sie fallen.
    Was lebt, vergeht.
    Der Herbstwind fällt ins letzte Laub.
    Und zwischen jetzt und dann
    verdämmern die Gedanken:
    Gibt's da noch was?
    War das schon alles?
    Da muß doch noch was kommen!

    Ich leb' mein Leben.

    Und so weiter .

 

 

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