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Aus: Unterwegs in Südostasien und Indien (Thailand 1997):

Thaigirls auf Pukhet
     Wir sitzen im Songtao, einem jener lustig-luftigen, buntbemalten Minibusse und lassen uns gemütlich von der Kata- zur Karon-Beach schaukeln. Ein Katzensprung von vielleicht fünf  Kilometern, aber der knatternde Songtao braucht dafür eine halbe Stunde, schleicht im lockeren Fußgängertempo dahin und nimmt jeden mit, der am Wegesrand den Daumen reckt. So ein Trip kostet zehn Baht, dreißig Cent. Einheitspreis, egal ob man bis zur Endstation oder nur zwei Stationen weit fährt. Man sieht viel Land und auch allerlei Leute. Hotels rechterhand, prachtvolle Resorts für die Möchtegernreichen aus der kalten Welt. Linkerhand das blaublaue Meer, der goldene Strand, die bunten Liegestuhlreihen und die dicken und schlanken und blassen und braungebrannten Sonnenröstlinge.
     Ein Ehepaar aus Leipzig berichtet voller Stolz, dass es per Last Minute-Angebot hier sei, für 900 Euro vierzehn Tage inklusive Frühstück. Das ist schön und billig. Vom Hotel müsse man allerdings ein paar hundert Meter bis zur Beach laufen. Das "Beach" spricht er perfekt ausländisch. Ansonsten spricht er nur Sächsisch. Das klingt lustig und ein bisschen so wie Thailändisch. Er redet. Sie spricht kaum, nickt aber immer, wenn er sie anguckt. Nicht wahr, Else? Ja, Männe! Die beiden sind gut aufeinander eingespielt.
Dann gibt es da im Songtao noch ein paar Thais. Die sind klein und braungebrannt. Sonst fällt mir nichts an ihnen auf. Ich habe mir allerdings Thais gelber vorgestellt, nicht gerade zitronengelb, aber eben gelber.
     Kurz vor der Karan-Beach hält der Bus noch einmal. Vier Menschen wollen mitfahren. Zwei erklimmen die Plattform flink; die sind jung und weiblich und von jener Hautfarbe, die ich mir gelber vorgestellt habe. Die anderen beiden tun sich mit dem Zusteigen schwerer: sie sind alt und weiß: altweiß, dickweiß, plakatfarben weiß. Zwei Skatbrüder auf Brautschau, aus Pirmasens,  Plauen oder Peine. Die Bräute haben sie allerdings schon gefunden. Der eine von beiden sieht aus wie ein Flaschenbierhändler, der in seinem Kiosk außer Bier und Flachmännern auch Staßenbahnkarten und Pornos verkauft und für einen kurzen späten Frühling seiner Gemahlin, welche vom Asthma gequält, Reisen sowieso nicht mag, das Lädchen zu treusorgender Verwaltung und Obhut übergeben hat. Er habe Urlaub nötig und Thailand sei wohlfeil. Das ganze Jahr habe er, Karl-Heinz geackert und geschuftet und nun wolle er sich mal was gönnen. Außerdem nähme er ja den Erich, den alten Kumpel, mit. Erich, das ist ein Mannsbild: im noch brauchbaren Rentneralter, zwar leicht gebeugt und zusammengesunken unter der Last seiner brandroten Haare. Dennoch: Ein gestauchter Zweimetermann mit flammendem Kopf. Karl-Heinzens spärlicher Haarwuchs ist grau. Überhaupt beherrscht ihn die graue Farbe von Kopf bis Fuß.
     Die beiden steigen also zu: schwerfüßig. Die Treppen zur Songtao-Plattform sind hoch und die Ärsche sind gewichtig. Die Hitze drückt sie zu Boden. Leichten Fußes folgen ihnen Ming Ling und King Ping, zwei niedliche, flachnasige, schmalfingrige, flinkäugige, schwarzhaarige Thaimädelchen mit kleinen Brüsten und kleinen Zehen und fröhlich plappernden Mäulchen. Und weil Ming und King noch so jung und unerfahren und plappermäulig sind, konnten Karl-Heinz und Erich sie auch ganz billig mieten. Ming und King waren noch nicht so gewieft im Handeln, und Erich und Karl-Heinz sind ausgebuffte, mit allen Wassern gewaschene Geschäftsmänner. Fünfzig Euro pro Girl und Tag, da konnten die beiden ja nur lachen, zuckten die Schultern und machten sich davon. Ming rief ihnen „Vierzig“ nach und Karl-Heinz warf ganz locker im Dahinschlendern "Dreißig" in die Lüfte. King fing die Zahl auf und schließlich einigte man sich auf dreihundert für beide und volle sechs Tage bei täglicher einseitiger Kündigung. Letzteren Passus fügte der rote Erich hinzu. Man wollte ja schließlich nicht die Katze im Sack kaufen und wenn's mit dem Service nichts wäre, dann alléz! Ex und hopp!
     Aber wie die beiden sich jetzt in den Songtao quälen und dennoch so richtig glücklich und zufrieden ausschauen, ausgeglichen, ausgequetscht und frisch belebt, scheint das mit dem vierhändigen Service und der belebenden Massage ja geklappt zu haben. Die beiden Girls kichern und plappern. Vielleicht unterhalten sie sich auch über das, was mir so durch den Kopf geht. Ich male mir nämlich aus, wie Erichs Kopf vor lauter Erregung noch röter wird und es knapp am Kollaps vorbei aus ihm heraussprudelt. So viel ungares, junges Fleisch kann doch gar nicht gut sein für einen alten graumäusigen Karl-Heinz, der zu Hause noch gerade mit Ach und Krach sein Pornosortiment sortiert. Ach Gott, wenn ihn ein Herzinfarkt mitten in der intimsten Massage hinwegraffte. Nicht auszudenken. Eine Versicherung für den Rücktransport im Krankheits- oder Todesfalle hat er wohlweislich abgeschlossen. Man kann ja nie wissen.
     In ein paar Tagen fliegen Erich und Karl-Heinz wieder heim, von Bangkok nach Düsseldorf und dann weiter per Golf oder Audi nach Dinslaken oder Döbeln oder Dagobertshausen. Ein bisschen Aidsangst im Gepäck, einen lachenden, gartenzwerggroßen Buddha für Frau und Enkelkinder und dann noch ein Batiktuch, Seidenhemden und einen maßgeschneiderten tiefblauen zweireihigen Anzug aus knitterfreier Thaiseide.
     Und Ming und King, die plappern und ziehen sich die Lippen schön rot nach. Dann stecken sie drei 500-Baht-Scheine in ein Kuvert und hoffen, dass die Post ihn heil und unversehrt in Nordthailand oder sonstwo abliefert. Mit vielen Grüßen an die Brüder und Schwestern. Danach gehen Ming und King in ein Strandrestaurant und bestellen sich ein leckeres Eis mit exotischen Früchten.
     Ich aber steige an der Karon-Beach aus, zahlen dem Songtaofahrer den Fahrpreis und schauen dem Gespann nach mit traurigen Augen und ein wenig Neid im Herzen: So jung müsste man noch einmal sein und so unbekümmert.

 

 


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