Sri Lanka
 
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Unterwegs in Sri Lanka:

     Ankunft in Colombo

     3. Mai 2007. Im frühen Morgengrauen überfliegt die Maschine Kerala, die Südspitze Indiens und ist auch schon im Anflug auf Colombo. Die Sicherheitsgurte sind geschlossen, die Board-Crew sitzt, „ready for landing“, und dann setzt der Airbus auf dem Bandaranaike-Airport von Colombo auf. Wir sind mit der Sri Lankan Air geflogen, die nach dem Anschlag auf den Flughafen Colombos im Jahre 2001 und der Zerstörung einiger Maschinen mehrheitlich den Emirates, also den Golfstaaten-Arabern gehört. Die Besatzungen sind singhalesisch geblieben. Die liebenswürdigen Stewardessen sind in lindgrün-geblümte Sarongs gehüllt, die oberhalb der Hüfte ein reizvolles Stück Bauch frei lassen und die Oberkörper zieren züchtige Mieder. Service und Speisen sind vom feinsten.
     Es ist 5.40 Uhr, wieder einmal liegen drei Wochen Sri Lanka vor uns. Trotz Morgenfrühe und Bewölkung ist es schon heiß. Bei der ersten Gelegenheit entledige ich mich einiger viel zu warmer Kleidungsstücke.
     Im Laufe der letzten Jahre ist aus dem provinziellen Airport ein internationaler geworden, mit klimatisierten Gängen, Laufbändern und einer geräumigen Ankunftshalle, in der die Einreiseformalitäten zügig erledigt werden. Es gibt kein langes Warten und jetzt schon gar nicht, da mit unserer Maschine nur wenige Touristen eingereist sind. Der Flughafen von Colombo ist einer der wenigen, auf denen man sich auch nach der Einreise noch zollfrei mit Alkohol und Zigaretten eindecken kann. „Nimm drei Flaschen Whisky und zahle zwei!“ Alkohol ist Medizin in den Tropen und schon die Engländer haben angeblich erfolgreich die Malaria mit Whisky oder Gin-Tonic bekämpft.
     Außer uns beiden steigt nur noch ein weiteres Paar in den Minibus unseres Reiseveranstalters. Für uns vier gibt es keine Reisebegleitung, die uns fragt, ob wir zum ersten Mal hier seien und die uns im dichter werdenden Verkehr erzählt, dass es in Sri Lanka keine Autobahn gibt. Ein Chauffeur genügt. Er nennt seinen Namen, sagt auf Ildikos Nachfrage, dass er in Bentota wohne und erklärt, dass die zahllosen Fahnen in den Farben blau, gelb, rot, weiß und orange anlässlich Buddhas Geburtstag am 2. Mai, einem der höchsten buddhistischen Feiertage, die Straßen schmücken. Danach konzentriert er sich auf den trotz der frühen Stunde immer dichter werdenden Verkehr.      
     Für Europäer bedeutet Verkehr ein mehr oder weniger geregeltes Miteinander unterschiedlichster Teilnehmer. Allgemein akzeptierte Zeichen sorgen dafür, dass, wer im Recht ist, selbiges auch bekommt. Wer Vorfahrt hat, darf darauf bestehen. Der singhalesische Verkehrsteilnehmer lässt sich weder durch Ge- oder Verbote, noch durch Regeln oder Schilder, die es sowieso kaum gibt, beeindrucken. Er fährt erstens nach dem Prinzip des Überlebens und zweitens dem des Leben-Lassens. Er lässt den Stärkeren, den LKWs oder Bussen den Vortritt und den Schwächeren, den Tuktuks, Radfahrern, Fußgängern, Hunden und Rindviechern, sofern sie ihm nicht im Weg sind, ein wenig Platz zum Ausweichen und Flucht-Ergreifen. Unser Fahrer gehört zur Kategorie der Halbstarken und so gelingt ihm ein ganz gutes Durchkommen, zumal sein Fahrzeug, im Gegensatz zu vielen anderen Minibussen, Kleinlastern und anderen fahrbaren Untersätzen noch relativ wenig von Alter, Rost und Zerrüttung gezeichnet ist. Die Bremsen scheinen zu funktionieren, die Kupplung findet die richtigen Gänge und die Hupe hat einen grellen, durchdringenden Ton. So lässt sich der Verkehr um und in Colombo einigermaßen bewältigen. Nach zwölf Stunden Flug sind wir vier Insassen auch so müde, dass wir nur noch bei ganz eklatanten Beinahe-Zusammenstößen aus dem Halbschlaf gerissen werden. Unser Fahrer manövriert sich durch Colombos Vororte, nennt das staatliche Gefängnis, an dem wir vorüber fahren, „Sri Lanka Hotel“, weist auf die Hafenanlagen mit den vielen Kränen hin, umschifft das Zentrum, und schon bald sind wir in Moratuwa auf der Galle-Road, die sich, einer Lebensader gleich, von Colombo bis zur Stadt Galle an der Küste entlang zieht. Moratuwa ist nur wenige Kilometer von der Hauptstadt entfernt und ein Zentrum der Möbel- und Gummiwarenindustrie. Hier erblickt der Ankömmling zum ersten Mal den Indischen Ozean. Bevor am zweiten Weihnachtstag 2004 die Tsunamiwelle hier wie eine Bombe einschlug und Trümmer und Leichen hinterließ, befanden sich zwischen Küste und Straße viele kleine Handwerksbetriebe, die aus Holz alle möglichen Gegen-stände herstellten. Trotz des Regierungsverbotes, näher als hundert Meter vom Ufer zu siedeln, schießen schon wieder Hütten aus dem Boden und es wird sicher nicht mehr lange dauern, bis sich entlang der Straße die gleichen slumähnlichen Siedlungen erstrecken wie vor dem Tsunami. Dass Moratuwa auch Universitätsstadt ist, sieht man ihr nicht an und kaum ein Tourist käme auf den Gedanken, hier seinen Urlaub zu verbringen.
     Der Verkehr fließt auch außerhalb Colombos noch so wie in deutschen Städten zur Rushhour. Straßeneinmündungen bringen immer neue Schübe von Fahrzeugen, Tuktuks drängeln sich überall dazwischen, ramponierte und viel zu schnell fahrende, mit Menschenfracht überladene Busse hupen den Individualverkehr zur Seite. Kaum erkennbar, wo eine Ortschaft zu Ende ist und die nächste beginnt. Übergangslos fügen sich Häuser, Hütten und Läden zu einer einzigen Kette von Siedlungen. Moratuwa hat fast 200.000 Einwohner. Mount Lavinia, Wadduwa, die nächsten Orte auf der Fahrt nach Süden sind kleiner, doch genauso hektisch und unübersichtlich. In Mount Lavinia gibt es das gleichnamige Fünf-Sterne-Hotel, ganz im Kolonialstil im 19. Jahrhundert von den Engländern erbaut und heute immer noch eine erste Adresse. Vor Jahren haben wir ihm einen Besuch abgestattet, sind am Portal von weiß livrierten Ordonanzen abgefangen und nach unseren Wünschen befragt worden. Wir durften passieren und sind durch die mit dunklem Edelholz getäfelten Gänge geschlendert, haben den Flair vergangener Zeit geschnuppert und als wir zwei alte Ladies mit prachtvollen, unzeitgemäßen Hutgebinden zur Teatime am Pool erblickten, fühlten wir uns zurückversetzt in jene Zeit, als die Insel noch Ceylon hieß und die englischen Business-Gentlemen sich hier am Meer nahe der Capitale von den Geschäften erholten.

     Einige Male kamen wir am Vormittag in Sri Lanka an. Da dauerte es gut zwei Stunden, bis wir durch das brodelnde Colombo hindurch waren und zwei weitere, bis wir Kalutera erreichten. Heute geht es schneller: der Vorteil der frühen Morgenstunde. Die Straße überquert den Kalutera Ganga, den Schwarzen Fluss, der ins Meer mündet und von weitem sieht man schon hoch aufragend die halbkugelige Kuppel der großen Dagoba, der einzigen Sri Lankas, die begehbar ist. Alle Chauffeure halten am Ende der Brücke vor der großen Tempelanlage mit der Buddhastatue, steigen aus und werfen ihren Münzobolus in das unersättliche Gefäß, das zu Ehren des Erleuchteten Kleingeld einheimst. Nur wer sein Scherflein entrichtet, dem ist eine gute Weiterfahrt sicher. Kalutera hat eine Reihe von Touristenhotels, doch wenn man zwischen Menschen und Fahrzeugmassen die Stadt auf der vierspurigen Straße durchquert, die Kaufhöhlen, Marktstände, Kleinhändler zu beiden Seiten erblickt, von Lärm, Farben- und Formenwirrwarr fast schwindlig wird, fragt man sich, was denn Touristen in dieser vor Unrat und Unrast strotzenden Stadt tun. Kalutera hat uns in all den Jahren ein einziges Mal zu einem Besuch animiert und auch dieser erwies sich als überflüssig.

     Zwischen Kalutera und Beruwala, dem nächsten Touristenort reihen sich kaum unterscheidbare Ortschaften aneinander, und spätestens jetzt, nach mehr als drei Fahrstunden fragt sich der Neuankömmling, ob er sich nicht das falsche Land für die kostbarsten Wochen des Jahres ausgesucht hat. Der Kulturschock hat ihn voll im Griff. Er, der Erholung und Ruhe sucht, findet sich auf einmal inmitten eines beängstigenden Tohuwabohus. Zwar gibt es Palmen zwischen den unansehnlichen Behausungen längs der Straße und Grün wuchert überall, doch wo findet sich eine friedliche, Nerven beruhigende Natur? Darüberhinaus schwitzt der Erholungsuchende auch noch entsetzlich, trotz der, der Hitze nicht gewachsenen Klimaanlage im Fahrzeug, und das ununterbrochene Gehupe sowie die waghalsigen Überholmanöver erschöpfen ihn zunehmend. Außerdem fragt er sich, inzwischen durchaus verärgert, wo denn das Meer sei. Doch das zumindest gibt es: Bei Payagalla kommt die Straße ganz nah heran. Beeindruckend sieht der Indische Ozean schon aus, doch beileibe nicht einladend. Mächtige Wellen fallen grollend über das Ufer her und der Fremde kann sich kaum vorstellen, wie er ihnen standhalten soll. Manchmal sieht man kurz vor Beruwala die Fischer ihre großen Netze einholen und Händler bieten prächtige Thunfischhälften, von Fliegen umsurrt, nahe der Straße feil. Das ist dann wenigstes ein Stück Folklore. Zur rechten Zeit weist der Fahrer auch darauf hin, dass im Hafen von Beruwala, welches ein Muslimdorf sei, jeden Morgen ein großer Fischmarkt stattfindet. Um den zu erleben, müsse man allerdings um spätestens halb sieben dort sein. Was für eine unmögliche, dem Urlaub abträgliche Zeit!
     An dem 3. Mai, von dem hier die Rede ist, hat es bereits vor Kalutera zu regnen begonnen und so richtig aufbauend sagt der freundliche Fahrer auch noch, dass es das von nun an jeden Tag tun werde, es habe nämlich bereits die Monsunzeit begonnen. Schöne Aussichten. „Nach meiner Kenntnis“, widerspreche ich, „beginnt der Monsun erst in Juni.“ Basta! Doch der Fahrer behält Recht: Die nächsten beiden Tage regnet es fast ununterbrochen und ganze Regionen Sri Lankas versinken im Wasser.  
     Von Beruwala bis Aluthgama ist es nur noch eine kurze Strecke. Bei Moregalle überqueren wir eine kleine Brücke, hinter der eine Seitenstraße zum größten sitzenden Buddha und dem Kande Vihare-Tempel führt. Doch davon wird an anderer Stelle die Rede sein. Aluthgama ist das Städtchen, in dem wir fast schon am Ziel sind, nur eine fünfminütige Tuktuk-Fahrt von Bentota entfernt. Der Touristenort Bentota besteht eigentlich nur aus fünf Hotels, einem Stück Galle-Road und einigen, von jungen Einheimischen betriebenen Lokalen, die so lustige Namen haben wie Wunderbar, Café Wunderschön oder Der nackte Wahnsinn. Man kann gut Prawns in ihnen essen oder Arrak trinken. Manchmal gibt es Life-Musik mit viel Getrommel und Reggae vom Band. Die bedienenden Boys tragen häufig Rastalocken und Bob Marley ist ihnen ihr Gott.
     Am Ortsende von Aluthgama überquert die Brücke den Bentota-Fluss und danach verlassen wir die Galle-Road, biegen rechts ab und sind nach ein paar hundert Metern am Lihiniya Surf Hotel.

     Dreieinhalb Stunden hat unser Fahrer gebraucht. Eine gute Zeit für die 120 Kilometer. Er hat sich ein ordentliches Trinkgeld verdient.

 

 

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