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Aus: "Unterwegs in Indonesien"
Karaoke
Mitten während unserer Mahlzeit beginnt
ein Karaoke-Programm.
Falls
jemand nicht weiß, was Karaoke ist: von einer DVD oder Laser-Disk werden Bilder
und der Text eines Schlagers oder Evergreens auf eine Leinwand projiziert. Die
Musik erklingt, aber ohne die Stimme des Sängers oder der Sängerin. Wer es sich
zutraut, kann nun per Mikrophon diese Singstimme hinzufügen und sich als Star
des Abends fühlen.
Ich habe absolut keine Star-Ambitionen und
meine Stimme schätze ich eher so ein, dass sie Menschen zur schnellen Flucht
veranlasst. Möglicherweise isst man in Indonesien nicht vor 20.00 Uhr,
jedenfalls sind wir die einzigen Gäste des Restaurants. Ein junger Mann kommt
an unseren Tisch, hält uns ein schnurloses Mikrophon entgegen und fordert zum Gesang
auf. Natürlich stößt er auf Ablehnung. Doch er gibt nicht auf. Da ich ihn als
höflicher Mensch nicht vor den Kopf stoßen will, frage ich, wie das denn gehen
solle. „Oh, very easy!“ Ich solle einfach den Text des Liedes, der an eine
weiße Wand projiziert wird, singen. Die Begleitmusik komme vom Band. “Nee, das
traue ich mich nicht! Und warum gerade ich?“ Inge hat eine viel schönere Stimme
und meine Frau hat früher sogar mal im Extrachor des Staatstheaters gesungen.
Gerd schubst mich an: „Mach doch mal. Sei kein Frosch!“ Ich will kein Frosch
sein, also nehme ich das Mikro in die Hand und halte es mir vor den Mund. Probeweise,
nur um zu zeigen, dass ich es nicht kann. Damit habe ich aber schon verloren.
Alle rufen begeistert, dass ich das ja ganz prima mache, und auch der junge
Mann scheint hingerissen. Ich weiß nicht wovon, habe ja noch gar keinen Ton von
mir gegeben. Vielleicht ist ja allein meine Mikrohaltung schon die eines
gewieften Popstars. Aber nun kann ich nicht mehr zurück, will aber wenigstens
ein Lied haben, das ich kenne. Was für einen Song kenne ich? Und der muss ja
auch in den Karaoke-Archiven dieses Etablissements vorhanden sein. Das
Karaoke-Archiv verfügt über alle nur erdenklichen Titel. Hunderte von
Laser-Disks stehen in den Regalen und mir wird klar, dass kein Weg an meinem
Auftritt vorbeiführt. Welches Lied? Ich blättere in den Katalogen: ‚In the Ghetto’
von Elvis. Das schaff ich nicht. ‚Strangers in the night’. Zu kitschig. Obwohl
ich mich an Al Martinos Schmachtstimme noch sehr gut erinnern kann. Bill Haley?
Zu schnell und rockig. Tanzen ja, aber singen nein. Da fällt mein Blick auf den
Namen Frank Sinatra. Frankieboy, den mochte ich immer, als Schauspieler und
auch als Sänger. „It’s my way“! Tolles Lied, passt irgendwie auch zu mir,
schmeichele ich mir. Ildiko, Inge und Gerd schauen mich bewundernd an. Ich
beginne mich allmählich richtig in Form zu fühlen, trinke noch einen Schluck
des gerade richtig temperierten Bintang-Bieres, räuspere mich, und werfe mich,
während der junge Mann die Platte auflegt, in die Sängerpose. Eigentlich müsste
ich dabei aufstehen, mich in voller Größe vor dem erwartungsvollen Publikum
verbeugen, vielleicht die weiße Smokingjacke ausziehen und sie mit lässiger
Bewegung unters Volk werfen. Die roten Rosen, die mir entgegen fliegen und die
Handküsse der hübschen Frauen fange ich leichter Hand auf. Doch ich will es
nicht übertreiben. Ich bleibe sitzen, halte das Mikro gekonnt vor meine vollen
Lippen und lese brav den Text von der Wand ab. „It’s my way.“ Das Orchester
spielt mit voller Kraft, Geigen schluchzen, Saxophone röhren und meine Stimme
klingt der Frankieboys ganz ähnlich. Je weiter ich im Text komme, umso mehr
wächst mein sängerisches Selbstbewusstsein. Ich moduliere meine Stimme,
erreiche nie geahnte Höhen und unterstreiche meinen Vortrag mit weit
ausgreifenden Gesten. Nie zuvor fühlte ich eine solche innere Verwandtschaft
mit Frank Sinatra. Als ich mich gerade so richtig frei gesungen habe, ist das
Lied zu Ende. Das Publikum rast und im weiten Rund des riesigen Theaters von
Las Vegas fordern begeisterte Zuschauer eine Zugabe. Meine Frau schaut mit
tränennassen Augen zu mir auf: „Das hast du wunderbar gemacht, mein allerliebster
Schatz!“ Inge sagt einfach „Toll“ und Gerd murmelt „Naja!“. Dieses „Naja“
bringt mich zurück in die Realität, hat es doch den bitteren Nebengeschmack von
„War ja nicht übel, aber gut, dass es vorüber ist“. Ich schaue mich um: es ist
wirklich kein tolles Restaurant, das Bier ist entschieden zu warm, und das
Essen? Naja!
Wir speisen schweigsam. Wenig später
taucht eine hübsche junge Dame auf, die den Part des jungen Mannes übernimmt
und die Karaokeshow für den Rest des Abends moderiert. Zunächst singt sie
selbst, wunderschön und gekonnt. Schade, dass außer uns keiner zuhört. Das
Lokal ist und bleibt leer. Was soll die junge Dame auch anders tun, als bei unserem
Tisch noch einmal vorzusprechen und uns das Mikrophon anzutragen. „Nein! Auf
gar keinen Fall. Ich mache mich doch nicht zum Affen!“ Ich bleibe hart: keiner
bringt mich dazu, noch einmal zu singen. Nach Frankieboy ist auch schlichtweg
keine Steigerung mehr möglich. Die hübsche junge Dame ist enttäuscht. Aber was
soll ich machen. Sie muss halt einen Song nach dem anderen selber singen. Unser
Beifall ist lang anhaltend und echt.
Draußen wartet auf mich ein weißer,
achtsitziger Cadillac. Ein livrierter Chauffeur hält die Tür auf und spricht mit
bewundernder Stimme: „You were wonderful again, Mr. Sinatra.“ Ich steige ein
und gebe das Zeichen zur Abfahrt.
Ildiko, Gerd und Inge sollen gefälligst
laufen. Das haben sie davon.
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