Leseprobe

Ich als Frau
(Eine Geschichte ohne Ende)

     Zweifellos bin ich im letzten Drittel angekommen. Menschen werden heutzutage älter, aber trotzdem, das Ende ist absehbar. Zeit daran zu denken, wie es weitergeht. Geht es denn weiter? Himmel, Hölle, das Paradies, Nirwana, Rendezvous mit den Ahnen? Das Jenseits-Menue bietet eine reichhaltige Auswahl. Ich gestehe, dass mir die Vorstellung von der Reinkarnation sympathisch ist. Dieses eine Leben kann doch nicht alles gewesen sein! Knock-out und ein für allemal Schluss? Ich würde gerne mein Come Back erleben. You only live twice! Mindestens. Das erste Mal, genauer gesagt, dieses Mal, bin ich als Mann zur Welt gekommen. Hätte natürlich auch anders sein können. Ein paar Spermien väterlicherseits mehr und ich wäre Frau geworden oder Nullnummer. So bin ich eben als Mann geboren, besser gesagt, ich bin männlichen Geschlechts, denn ‚Mann‘ beinhaltet ja vieles mehr. Ich fand und finde mein männliches Leben durchaus spannend, lebenswert, interessant. Doch der Gedanke, noch einmal das Gleiche durchzuspielen, haut mich nicht vom Hocker. Mal etwas anderes! Es lebe der Kontrast! Natürlich weiß ich nicht, ob ich Einfluss auf das Programm habe, ob der Programmierer manipulierbar ist. Lässt sich Gott, oder wer sonst auch immer, ins Handwerk pfuschen?

     Ich stelle mir vor, dass ein plötzlicher Herztod mich dahinrafft. Ich weiß, das wünscht sich jeder, so ein heftiges, schnelles Dahinscheiden. Leicht verträglich für einen selbst und alle Hinterbliebenen.

Schluss, Ende, aus!

Szenenwechsel!

     In einer Hütte am Rande des Dschungels liegt Nilanti auf einer Strohmatte in Wehen. Die Schmerzen machen ihr zu schaffen. Kamal, der Gatte, hält ihr die Hand, doch viel helfen kann er nicht. Er wischt den Schweiß von ihrer Stirn. Wie sehr wünscht er sich einen Sohn.
Nilanti verspürt auf einmal heftiger werdende Krämpfe, die sie in immer kürzeren Abständen überfallen. Dann kommen die Presswehen. Nilanti bündelt alle ihre letzten Kräfte, arbeitet, kämpft und dann, dann ist das Kind auf einmal da.

     Der erste Schrei. Und die Enttäuschung des Vaters: Ein Mädchen!

Posthum

Noch zwei oder drei Jahrzehnte
bestenfalls,
dann bin ich mausetot, rattentot,
aber berühmt.

„Ein großer Dichter starb uns weg und
wir werden seiner immer eingedenk sein“
und zwei namhafte Verlage streiten sich
um die Herausgabe meiner gesammelten Werke
in grobgestricktem Leinen.

Reich-Ranicki, einhundertundfünf Jahre alt,
und immer noch gefürchtet von gefiederten Poeten
wird dem Vernehmen nach,
das Nachwort schreiben.

Büchergilden und Lesegemeinschaften
bewerben sich um Nachdruck
meiner zu Lebzeiten unveröffentlichten,
jedoch hell-, weit- und klarsichtigen Schriften,
welche stets, so der greise Redner an meinem Grab,
den Finger an die Wunden der Zeit legten.

Meine Erben kramen in den Schubladen meines chaotisch-ordentlichen Schreibtisches
und fördern zutage: Briefe, Fragmente, Gedankensplitter,
auf Löschblatt und Handzettel geschmierte Rezepte.
Literaturagenten stehen Schlange und entreißen meinen Enkeln jedes Gekritzel
Und selbst der vertrocknete Popel,
handsigniert auf Büttenpapier
ist untrügliches Zeichen meiner
nimmer endenden Kreativität.

Ich vermarkte mich recht gut nach meinem Tode.
In den Bücherregalen von Hinz und Kunz
sehe ich mich stehen zwischen
den Klassikerausgaben Konsaliks und Goethes,
gleich neben dem Videosampler:
der besten John Grisham - Verfilmungen.

Ab und zu begutachte ich,
posthum natürlich, die Auszüge
meines Sonderkontos ‚Literatureinnahmen‘.
Dann freue ich mich,
einerseits,
dass ich mit der Steuererklärung nichts mehr zu tun habe.
Andererseits aber
bin ich schon ein bisschen traurig,
dass ich mir,
posthum,
gar nichts mehr leisten kann,
von all dem Geld,

das ich verdiene.